Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Die, welche wissen, und die, welche glauben


Aber es gibt noch eine grere Usurpation: die, welche die Religion - im engeren und neueren Sinn des Wortes - mit ihrer Pacht des Bereiches und der Kompetenz des "Heiligen" und "Gttlichen" begeht.
Heilig und gttlich sind Glaubens-Stoff: das ist die Wahrheit, die sich dem Europa der letzten Zeitalter aufgedrngt hat. Unsere Wahrheit ist eine andere: besser zu wissen, da man nichts wei, als zu glauben.
In der zeitgenssischen Geistesverfassung gibt es einen zentralen Punkt, worin sich die Haltung der materialistischen Wissenschaft und die der Religion begegnen: in einem identischen Verzicht, einem identischen Pessimismus, einem identischen Agnostizismus gegenber dem Geistigen, unverhllt und methodisch im einen Fall, verhllt im anderen.
Die Voraussetzung der materialistischen Wissenschaft ist in der Tat, da Wissenschaft - im Sinne tatschlicher, positiver, experimenteller Kenntnis - nur in dem sein kann, was physisch ist; und das in dem, was nicht physisch ist, keine Wissenschaft sein kann, so da die wissenschaftliche Methode uninteressiert daran ist und es aus Inkompetenz dem Glauben, der toten und willkrlichen Abstraktion der Philosophie berlt oder auch den "Ansprchen" des Gefhls und der Moral.
Die Religion andererseits, sofern sie ausschlielich auf den Glauben hinausluft und keine esoterisch-initiatische Lehre zult jenseits des profanen, der Masse vorgesetzten Glaubens, eine Gnosis jenseits des frmmelnden Aberglaubens, begeht denselben Verzicht. Tatschlich glaubt man nur dort, wo man nichts wei und vermeint, nichts wissen zu knnen. Womit man demselben Agnostizismus der "Positivisten" verfllt in Bezug auf alles, was nicht materielle und handgreifliche Wirklichkeit ist.
Wir indessen, uns auf eine weit ltere und wahrhaftere Tradition sttzend als auf eine, die der "Glaube" des abendlndischen Menschen rechtfertigen knnte, auf eine Tradition, die sich nicht in Lehren bezeugt, sondern in Taten und in Werken der Macht und der Schau, wir bleiben bei der Mglichkeit und der tatschlichen Realitt dessen, was wir Gegenstand der Weisheit genannt haben. Das heit, wir bleiben dabei, da eine ebenso positive, direkte, methodische, experimentelle Kenntnis auf "metaphyischem" Gebiet mglich ist wie die, welche sich die Wissenschaft auf physischem Gebiet zu erobern bemht, und die, wie diese, ber jedem Glauben, jeder Moral oder Philosophie der Menschen steht.
Wir halten folglich daran fest, da im Namen dieser Weisheit und dessen, der diese Weisheit bezeugen kann, diejenigen zu desautorisieren und zu entlarven sind, die, im Bereich des religisen Aberglaubens, fr bloe Aspirationen der "Seele", fr Dogmen, Traditionen im engern und sektenhaften Sinn, Halluzinationen und Akte blinden Glaubens sich zu Htern des Heiligen und Gttlichen aufwerfen. An die Stelle derer, die "glauben" - blinde Fhrer von Blinden -, mssen die treten, die wissen und die, insofern sie wissen, knnen und sind - als jene menschlichen Gtter, die alle groen antiken Traditionen kannten und verehrten.
Und so scheint es, da das Verweilen bei dem, was auf dem Gebiete des Erkennens Anti-Europa und Anti-Demokratie ist - bei dem, was Weisheit ist, im Rahmen dieser Schrift selbst alles andere als eine berflssige Abschweifung darstellt: ohne Bezug auf sie liee sich die festgehaltene Identifikation der beiden Mchte, der saktralen und der zeitlichen, innerhalb einer einzigen, aufs strkste individualisierten Hierarchie weder rechtfertigen noch verstehen, und es wren in dieser Hinsicht die peinlichsten Miverstndnisse mglich.
Aber sobald man erfat hat, worum es sich handelt, besttigt und rechtfertigt sich unsere Erklrung, da wir unnachgiebigen Imperialisten mit einer religisen Hierarchie (im Gegensatz zur gnostischen und initiatischen) nichts anzufangen wten. Einer materiellen Organisation, der sie sich gegebenenfalls anfgte, wrde sie in Wahrheit nichts anfgen: sie wrde nur eine leere Umhllung aus leeren Formen anfgen, das Phantasieren des Glaubens und des Gefhls, die Verrohung in widerspruchsvollen Dogmen und in Symbolen und Riten, die nicht die ihrigen sind und deren Sinn sie vergessen hat; kurz, es gbe nicht jene hhere, solare, durch Macht sich bezeugende Realitt, die wir heidnisch unter Geist verstehen, sondern nur eine absolute Irrealitt, eine antiarische und antirmische Rhetorik, die sich im ethischen Bereich selbst auswirkt, indem sie alles frdert, was sich an Weiblichem, an "Romantischem" und Weltflchtigen in die abendlndische Seele eingenistet hat.
berwindung sowohl des religisen Irrealismus als auch des materialisierten Realismus durch einen transzendenten, mnnlichen, olympischen Positivismus tut not.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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