Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Die Hierarchie durch die Macht /
Die Eroberung des Staates


Da der Geist Macht ist, und da die Macht Geist ist, gem einer unauflslichen Synthese, das ist der Grundbegriff des "solaren" heidnischen Weltbildes.
Zu unseren einleitenden Betrachtungen zurckkehrend, halten wir also ohne Zgern daran fest, da das Ma der Freiheit die Macht ist.
Wie die Seele - auf die, gem der herangezogenen Analogie, die verschiedenen Teile und Funktionen hinzielen, whrend sie ihr Ziel in sich selbst hat - die Beschaffenheit und Begrenztheit des Krpers als etwas Unvollkommenes erachtet und sie nicht hinnehmen darf, sondern bestrebt sein mu, sie in vollkommener Herrschaft, in einem den Geist vllig gemen Organismus zu berwinden, so wird sich auch der Herrscher verhalten gegenber der Beschaffenheit der Massen, oder die hhere Rasse gegenber den anderen Rassen, die sie in einer kumenischen Einheit organisieren mu.
Die Freiheit des Herrschers, sein Recht, sein Wert-Sein - als Endzweck - werden sich infolgedessen soweit erstrecken, als er Macht hat, das auszufhren, was er will, da die "Verantwortung" - in jedem Betracht - Sinn hat nur dann, wenn die Tat milingt, wenn eine hhere Macht gegenwrtig ist. Nimmt seine Macht ab, so wird er auch das Recht verlieren, welches an jenen bergehen wird, der sein Gesetz wiederum ber oder gegen irgend ein anderes zu stellen vermag. Weshalb die Hierarchie nicht ein Gegebenes sein wird, sondern eher eine Aufgabe: sie wird nicht erstehen durch ihre bereinstimmung mit der Abstraktion eines transzendenten Gesetzes von Gut und Bse, Recht und Unrecht, Menschheit, Nationalitt oder Tradition im engeren und empirischen Sinn, sondern sie wird ein przises Sich-in-Verbindung-setzen, Sich-ausgleichen, Unterordnen oder Sich-unterordnen von individuierten Krften sein, um zum Ausdruck zu bringen, wer mehr oder weniger wrdig ist eines bestimmten Grades der Hierarchie. Halten wir indessen fest, da ohne die Macht das Imperium - und damit der Gipfel des Frei-Seins - keine Grundlage hat; und wenn es auch fortbestnde, so wrde es fortbestehen in zuflliger und hinflliger Weise, gegrndet nicht auf eigene Kraft, sondern auf anderer Schwche und Feigheit.
Aber diesen Feststellungen mu sofort eine Erklrung nachgeschickt werden, was wir unter Macht im genauern verstehen, sonst wrden zweifellos Miverstndnisse entstehen, die in diesem Zusammenhang keinerlei Daseinsberechtigung htten.
Und so mchten wir vor allem betonen, da fr uns Macht durchaus nicht rein materielle Kraft bedeutet, und da die Herrschaft und das Imperium durchaus nicht identisch sind mit der Gewalt und mit der berwltigung, die durch diese ausgebt werden kann. Das zu beleuchten ist umso notwendiger, als viele mit Absicht diese Dinge miteinander vermengen, um dann mit der verbotensten Rhetorik ad hominem aufzuwarten gegen die "menschliche Bestie", den "homo hominis lupus", die "unmenschlichen Gebieter", die "Tyrannen" und so fort. Die Gewalt ist zu wenig. Die Macht ist nicht die Gewalt, insofern diese ein "Dagegen-Stehen" (und somit ein Stehen auf der gleichen Ebene) ausdrckt, und nicht ein "Darber-Stehen". Einen Widerstand voraussetzen und von ihm Sinn und Rechtfertigung empfangen, d. h. voraussetzen, da ein anderer Wille widerstehen kann, ist eine uerliche, polemische und zufllige, nicht eine wahrhaft hierarchische und gebieterische Beziehung. Nicht durch Gewalt bewegt sich ein freier Krper, lst sich das behende Wort von der Zunge: wer wirklich kann, kennt die Gewalt nicht. Er braucht sie nicht, insofern er keine Antithese hat und sich direkt einsetzt, unsichtbar und unwiderstehlich kraft seiner inneren, individuellen berlegenheit ber denjenigen, dem er befiehlt.
Das alles von einem absoluten Gesichtspunkt aus. Womit der Gewalt nicht jeder Nutzen abgesprochen wird, sondern nur gesagt werden soll, da sie noch nicht wahrhaft die Macht ist; notwendig dort, wo man auf Verhrtetes, leblos gewordenes stt, das man nur berwinden kann, indem man es zerschlgt; notwendig noch beim Akt eines ersten, direkten, organisierenden Eingriffs ins Chaos der verschiedenen materiellen, aufrhrerischen Krfte - bleibt sie doch immer eine rudimentre und vorlufige Phase.
Da dem so ist, kann auch die berlegung zeigen, da man von entfesselten und gengend lebendigen Krften getragen sehr wohl an die Spitze von vielen, wenn nicht von allen zu gelangen vermag; aber gleichwohl ist ntig, da man diese Krfte erst zu entfesseln und dann zu lenken versteht, etwas, das man nicht durch eine neue, wiederum nur rein materielle Kraft erlangen kann, wohl aber durch die Kraft der berzeugung oder der Suggestion.
Und damit befinden wir uns auf einer subtileren Ebene, wo die Tat und die Herrschaft durch Ideen ausgebt werden. Durch Ideen - wohlgemerkt -, die nicht als abstrakte Begriffe, sondern als Ideen-Kraft, Mythen (im Sinne Sorels) aufzufassen sind, d. h. als Prinzipien, dahinzielend, Energien zu erwecken, soziale Bewegungen und Strmungen vermittels der verschiedenen moralischen, emotionellen, glaubens- und traditionsverhafteten Suggestionen, die sie auf die Massen auszuben vermgen. Aber hier sind zwei Punkte festzuhalten. Erstens, der Herrscher mu Herr der verschiedenen Ideen und Mythen bleiben, er darf nicht, an sie glaubend, selbst den Illusionen unterliegen und ein Besessener werden, ein Sklave der Geister, die er gerufen hat; er darf ihnen keinerlei absoluten Wert beimessen, er mu sie kaltbltig als Mittel benutzen, als faszinierende Instrumente, mit denen er - bei genauer Kenntnis der Massenpsychologie - die beabsichtigten Einflsse ausben wird, indem er die blinden Krfte der aneinandergeschlossenen Kollektiva erweckt und leitet. Der zweite Punkt hngt mit dem ersten zusammen und besteht darin, da man die absolut positive Seite dieses Standpunktes begreift, der hinter sich lt sowohl die Ideologie der reinen Kraft wie auch den Idealismus der "Werte", der "ewigen Grundstze" usw. Da die rein materielle Kraft sich nicht selbst gengt, da sie immer Werkzeug von Ideen sein wird - das ist eine Tatsache, die lediglich festzustellen ist. Positiv gesehen, kann und darf man freilich der Idee keinen anderen Wert beimessen als den, der ihr eben aus dieser festgestellten Tatsache zukommt, d. h. den Wert eines suggestiven, nach seinen praktischen Folgen gemessenen Prinzips. Mit anderen Worten, die Idee hat Wert, so lange und so weit sie wirkt: nicht, weil sie "gut", "richtig", "wahr" usw. ist; das alles ist nur Dunst gegenber ihrer Realitt als Ideen-Kraft. Die "suggestiven Potentiale", mit denen die verschiedenen Ideen geladen sind, zu berprfen, abzuwgen, zusammenzustellen, zu gebrauchen, zu entladen oder zu unterbinden, das ist die hhere, unsichtbare und gefhrliche Kunst der Herrschaft, die, mit Bewutsein gebt, man ansprechen kann als mit der "Magie" im hheren Sinn kommunizierend.
Deshalb sind als wahrhaft naiv alle jene Strmungen zu bezeichnen, die nur die Tat (im obengenannten begrenzten Sinne) gelten lassen wollen und jeden Ideen-Konflikt und -Gebrauch als Zeitvergeudung betrachten. Damit knnen wir uns nicht einverstanden erklren, nicht aus "Idealismus", von dem wir weit entfernt sind, sondern weil das eine Haltung ist, die sich vom Standpunkt der Tat selbst aus als abstrakt und unzulnglich erweist. Ein kaltbltiger Beherrscher und Erwecker von Ideenkrften wird diese Verherrlicher der reinen Tat bei der ersten Begegnung aus dem Sattel heben, indem er die Kraft, auf die sie sich sttzen, ihnen entreit und gegen sie wendet.
Gleichwohl ist auch diese Stufe noch vorlufig und zu berwinden. Sie fhrt nicht ber das Niveau des Volkstribunen hinaus. Sie bleibt innerhalb einer Ordnung, fr die sogar die psychoanalytischen Theorien vom kollektiven Unbewuten, von der "Ur-Horde" Geltung haben knnten.
Sie impliziert einen Kompromi. Die verschiedenen "Mythen" und Ideen-Krfte drften dem Beherrscher nicht als Sttze und Bedingung dienen, denn er allein mte ja die Bedingung sein. Diese Ideen nun - hauptschlich jene der "Nation" und des "Vaterlandes" , worin sie im Bereich unseres Themas gipfeln - enthalten notwendig etwas Transzendentes und Unpersnliches, daher ein briges an Zuflligkeit, das ihren instrumentalen Wert, von dem wir oben sprachen, begrenzt. Es kann natrlich dem, der seine Herrschaft einzig auf bestimmte Ideen-Gruppen grndet, stets geschehen, da er auf einen anderen stt, der dieselben Ideen heraufbeschwrt und der - indem er sich in Lagen zeigt, die ihnen besser entsprechen als die der herrschenden Gruppe - ihn gerade durch das Heranziehen jener Krfte entwaffnen kann, auf die eben der erste sich sttzte.
Deshalb macht sich eine weitere Realisierung notwendig, dahinwirkend, da das, worauf es ankommt, nicht so sehr die Idee an sich ist, als vielmehr derjenige, der sie bejaht. Es wird nicht mehr die Idee sein, die Wert und Macht einem Individuum gibt, sondern das Individuum, das Wert, Macht und Rechtfertigung einer Idee gibt. Das ist es, was Voltaire begriff, wenn wir uns recht erinnern, als er in Bezug auf einen Knig von Frankreich sagte, da, wenn gewisse Gesten Wert erhielten, es daher kme, da er es wre, der sie vollfhrte.
Und nun bleibt ein letzter groer Schritt zu tun: von dem Aberglauben an das "Vaterland", an die "Nation", demokratisch und unpersnlich aufgefat, sich zu befreien. Der Herrscher, indem er langsam das Zentrum vom Abstrakten zum Konkreten hin verschiebt, wird am Ende die Idee vom Vaterland selbst abschaffen, wird sich nicht lnger darauf sttzen, es immanent machen und nur noch sich bestehen lassen als Zentrum, das jeder Verantwortung und jedem Werte gengt, so da er wird sagen knnen: "Die Nation, der Staat bin Ich."
Das ist die Ebene, auf der sich nur derjenige halten kann, in welchem - nach dem schon gebrauchten Ausdruck - die berlegenheit nicht auf der Macht, sondern die Macht auf der berlegenheit beruht. Die Macht zu brauchen, ist Ohnmacht, und wer das begreift, wird vielleicht verstehen, in welchem Sinn der Weg eines gewissen Verzichts (eines mnnlichen Verzichts, der auf einem "Nicht-ntig-haben", auf einem "Zureichend-sein" beruht) eine Bedingung fr den Weg zur obersten Macht sein kann, und wird auch die verborgene Logik erfassen, derzufolge (auf Grund von berlieferungen, die die meisten fr Mythen halten, wir freilich nicht) aus Asketen, Heiligen und Initiaten pltzlich und auf natrlichem Wege suggestive und bersinnliche Mchte hervorbrachen, strker als irgendeine Macht der Menschen und der Dinge.
Wie jedes Bedrfnis, jede Begierde und jede Leidenschaft eine Beraubung des Wesens ausdrckt, so integriert, potenziert und erhht das Nein, das zu dem allen gesagt wird, das Wesen und treibt es einem hheren, zentralen und solaren Leben entgegen.
Und damit verschwindet auch jeder Anschein von Titanentum, den die Idee einer restlos zentralisierten, von jeder Bedingung befreiten Macht-bernahme durch eine einzige Person noch haben knnte. Hier ist das Individuelle das berindividuelle, in Wirklichkeit verschmelzen sie sich, und die partikularistischen Tendenzen knnten sich so wenig voneinander absondern und sich gegeneinander behaupten wie die Bchlein im Augenblick ihres Mndens ins Meer. Hier ist der Herrscher weniger ein besonderes und sterbliches Wesen, als vielmehr ein universales Element, eine kosmische Kraft. Und so wird verstndlich, wie die Knige in bestimmten orientalischen Traditionen, im Augenblick, als sie Knige wurden, ihren alten menschlichen Namen ablegten. Man wird, hinter dem mythologischen Symbol, erfassen, inwiefern die alten Nordlnder ihre Herrscher als Inkarnationen des Blutes Odins, Freyrs und Tiuzs betrachten konnten; die gypter und Iranier, die ihren gleichsam als irdische Ebenbilder solarer Gottheiten; die Griechen und Rmer, als Offenbarungen bestndiger "heroischer" Einflsse, durch Gestalten beglaubigt wie die eines Herakles und eines Apoll. "Beharrlich residieren in der groen Wohnung der Welt; beharrlich sich behaupten im aufrechten Stuhle der Welt; vorwrtsschreiten auf dem groen Wege der Welt, und wenn man solches erreicht hat, das Volk teilhaben lassen an den Gtern, die man besitzt." - "In der Weite und der Tiefe seiner virtus sich der Erde angleichen; in der Hhe und im Glanze derselben sich dem Himmel angleichen; in der Ausdehnung und in der Dauer derselben sich dem Raum und der Ewigkeit angleichen: damit eine Dritte Macht bilden zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen" - so spricht die Tradition.
Wahrer Herrscher, imperiale Natur ist eben der, der ber diese hhere Seins-Quantitt verfgt, die unmittelbar eine andere Seins-Qualitt bedeutet: virtus, von der die anderen - gewissermaen ohne da er es wollte - entzndet, angezogen, berwltigt werden. Er ist der, der sich einsetzt - sozusagen durch seine bloe Anwesenheit: gleich einem umfassenden und bedrohlichen Blick, dem die anderen nicht zu widerstehen vermgen; gleich jener ruhevollen und gelassenen Gre, die magische Einhalt gebietet auch dem bewehrten Arm und dem Ansprung reiender Tiere; die unmittelbar Achtung einflt, den Wunsch zu gehorchen, sich zu opfern, in diesem umfassenderen Leben den Sinn des eigenen, wahreren Lebens zu suchen. In Ihm glht ein ganzes Geschlecht, eine ganze Tradition, eine ganze Geschichte gleichwie in ihrem Akte: sie hren auf, Abstraktionen zu sein, blutlose Idealitt, sie werden individuierte, konkretisierte Realitt, werden Leben - absolutes Leben, weil sich selbst gengend und reine Freiheit -, werden Geist, werden Licht.
Und so ist es Er, der auf dem Hhepunkt tatschlich sagen kann: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" und der einer Unzahl von Individuen, dem ganzen System der inferioren Determinismen des Lebens, eine Einheit, einen Sinn, eine Rechtfertigung gibt, die sie vorher nicht hatten. Weil der Niedrige das eigene Leben nie so vollkommen lebt, als wenn er wei, da dieses Mitte und Ende in etwas Hherem hat; der Teil, als wenn er sich Glied eines Organismus wei, der nicht in sich, sondern in einer Seele (einer Seele, die eine Realitt und nicht bloes Ideal oder abstraktes Gesetz ist) seine Daseinsberechtigung hat.
Dies wren als Entwurf die hauptschlichen Etappen der Eroberung des Staates und des Weges zur Macht. Die Naivitt der rohen Kraft, die Rhetorik der Idealitt und der "ewigen Grundstze", die Relativitt und Zweideutigkeit des dynamischen Spiels der Ideen-Krfte, der Mythos vom Vaterland und von der Nation, die Sttze der Macht selbst - das sind die verschiedenen Begrenzungen, welche - wie die aufgehende Sonne die Nebel und die Nachtgespenster verscheucht - durchbrochen werden mssen von der machtvollen Realitt eines hheren und wahrhaft mehr als menschlichen Individuums, das schlielich sein wird mit den Mchten der "berwelt" selbst.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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