Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Wille zur Hierarchie


Weiter unten, von den Wurzeln des europische bels sprechend, werden wir Gelegenheit haben, die Prinzipien zu nennen, durch welche sich die notwendige Gegenreformation im Konkreten verwirklichen lt.
Hier wollen wir kurz bei einem Einzelpunkt verweilen, beim Sinn des Prinzips von der Hierarchie, das die Voraussetzung fr die neue Staatsidee ist. Hier zhlen nicht die Ankndigungen und die Programme der Parteien, nicht die beredeten Dinge, sondern die vollbrachten; hier zhlt nur ein entschiedener Aufschwung, stark genug, um mit den Gewohnheiten zu brechen, die den heutigen Menschen zur zweiten Natur geworden sind und von denen sie noch immer beherrscht werden, auch wenn ihr Mund und ihr Verstand das Gegenteil behaupten.
Man spricht heute viel von Hierarchie - aber gleichzeitig fhrt man fort, einer brgerlichen und antiaristokratischen Gesinnung, die im geraden Widerspruch zu diesem Begriff steht, Zugestndnisse zu machen. Natrlich mte man sich zunchst vom Halse schaffen alle berbleibsel des demokratischen und "reprsentativen" Systems und alles, was in irgendeiner Weise den "sozialistischen" und kollektivistischen Geist verrt. Jede Beziehung mte gehrtet, verlebendigt und vermnnlicht werden durch eine kriegerische Haltung, durch Treue, Ehrenhaftigkeit und mannhaften Diensteifer. Jene fides, die schon eine der ltesten Gottheiten des heidnischen Roms war und von der Titus Livius sagte, ihr Besitz unterscheide den Rmer vom Barbaren; jene fides, die man in der indischen bhakti wiederfindet und in der Hingabe, mit der die iranischen Krieger ihren vergtterten Fhrern nicht nur ihre Taten, sondern auch ihr Denken und Wollen gelobten - eine solche fides findet man auch als geistiges Zement in den einzelnen feudalen politischen Einheiten und dann in der Rckverbindung von diesen zum unum quod non est pars, zum berpolitischen und sakralen Zentrum des mittelalterlichen Imperiums.
Eine solche fides brauchen wir noch heute, und heute vor allem.
In den Untergeordneten mu wieder der Stolz erweckt werden, den bergeordneten zu dienen. Der Dienst mu wieder erweckt werden als Freiheit und als berwindung, gleichsam als verklrendes Anerbieten, das nicht erniedrigt, sondern erhebt - berall, in Dingen des Krieges wie in Dingen des Friedens, im besonderen wie im allgemeinen.
Auf dieser geistigen Grundlage mu sich eine Struktur abzeichnen, die senkrecht von oben nach unten verluft; worin die Fhren wie ebensoviele Ausstrahlungen eines einzigen Mittelpunkts sind und ihrerseits wieder Mittelpunkt von niedrigeren Ordnungseinheiten, geschart wie Soldaten um ihre Offiziere.
Natrlich impliziert ein solches System die Notwendigkeit, vor allem Eliten zu schaffen, tatschliche Eliten und nicht nur solche dem Namen nach; in denen die Autoritt nicht auf dem Amte beruht, sondern das Amt auf der Autoritt, und diese ihrerseits auf einer tatschlichen berlegenheit. Jede Hierarchie, die von anderen Voraussetzungen ausgeht, ist nichts als eine Schein-Hierarchie, ja, das Gegenteil einer Hierarchie: ein gewaltttiges und knstliches Gebilde, das ein Prinzip der Ungerechtigkeit und folglich der Anarchie in sich birgt.
Andererseits mu festgehalten werden, da sich die Hierarchie in keiner Weise auf der Ebene dessen erschpfen darf, was heute "Politik" genannt wird. Vielmehr mte die Politik - der wirtschaftlich-industrielle, administrative, im materiellen Sinn ausgleichende Teil des Staates - den Werten hheren Charakters untergeordnet werden, um als Mittel zum Zwecke zu dienen. Die Idee einer qualitativen Differenzierung erfordert die Herausarbeitung einer Anzahl berpolitischer Stufen, die tatschlich verschiedenen Formen des Lebens und des Interesses entsprechen und gerade deshalb geeignet sind, den Fhrern jene wahre und unbestreitbare Autoritt zu verleihen, die durch nichts zustande kommen kann, was vom Zeitlichen und Zuflligen bedingt ist.
Dieses Ideal impliziert natrlich nicht nur die Bejahung des Begriffs und des Rechts des Adels, sondern auch der Monarchie. Handle es sich um republikanische Staaten, um nominell noch monarchische Staaten, oder um Staaten, die von Diktatoren errichtet worden sind (welche vom traditionellen Standpunkt aus nichts als Volkstribunen sind) - in dieser Beziehung ist in Europa fast nur ein leerer Platz. Wo die Monarchie noch fortbesteht, ist sie etwas berlebtes geworden, ein verstummtes Symbol, eine Funktion, die ihren wahren Sinn verloren hat und von der Wirklichkeit abgeschnitten ist. Sie ist besser als nichts - aber von denen, die nicht nur dem Namen nach, sondern dem Geist nach aus kniglichem Blut sind, wre der Mut zu verlangen, da sie ungewisse Kompromisse und Vergleiche nicht lnger hinnhmen; man mte von ihnen verlangen, da sie die Knigswrde verschmhten, wenn ihr nichts oder fast nichts mehr entspricht - oder aber, da sie entschieden als Mitte und als Haupt des Staates zurckkehrten, um alle "legalen" Usurpationen der letzten Zeitlufe hinwegzufegen und sich wieder im absoluten und transzendenten Sinne zu Fhrern des Volkes zu machen.
Dort, wo die Monarchie durch die Umtriebe des Pbels, der Juden und der Hndler gestrzt worden ist, weil sie sich in Hnden befand, die kein Schwert und kein Zepter mehr zu tragen vermochten, mu sie wieder hergestellt werden. Dort, wo sie noch aus Beharrungsvermgen besteht, mu sie wieder erneuert, gekrftigt und dynamisch gemacht werden als eine organische, zentrale, absolute Funktion, die zugleich die Macht der Kraft und das Licht des Geistes in einem einzigen Wesen verkrpert; damit sie wahrhaft der Akt ist eines ganzen Geschlechts und gleichzeitig der Punkt, der hinausfhrt ber alles, was von der Erde und vom Blute bedingt ist. Erst dann hat man das Recht, von einem Imperium zu sprechen. Wenn sie auferweckt ist zu einer ruhmvollen, heiligen, metaphysischen Realitt, Spitze gleichwohl der kriegerisch geordneten poltischen Hierarchie - dann nimmt die Monarchie wieder den Platz und die Funktion ein, die sie ehemals hatte, vor der Usurpation durch die Kaste der Priester.
Ehe man lngs dieser Linie zum wahren traditionellen Ideal kommt, ist der Weg natrlich weit. Im brigen haben wir uns deutlich genug ausgedrckt, um nicht den Glauben zu erwecken, diese Identifizierung der beiden Mchte beschrnke sich auf eine rhetorische Phrase oder auf die aberglubische Vergottung eines Wesens, nur weil es den hchsten Grad einer rein materiellen Ordnung einnimmt - wie es, in schon absteigenden Perioden, verschiedentlich bei Theokratien der Fall war. Wir bestehen vielmehr auf einer realen Synthese, wo der Geist nicht ein Name ist, sondern die positive Realitt einer Verwandlung seiner selbst, welche, wenn sie erfolgt ist, zwischen einige Wesen und die Masse der anderen Menschen zumindest soviel Distanz bringt, wie sie diese Masse zwischen sich und den Tieren vermutet. Wir wollen die Bezeichnung "bermensch" nicht gebrauchen, so sehr ist sie heute verrufen und rhetorisiert; und andererseits glauben wir von den wenigsten verstanden und von den meisten miverstanden zu werden, wenn wir uns bezgen auf die Bedeutung des Ritus der Initiation, die in vielen antiken Staaten - wenn nicht Dynastien "schon gttlichen Blutes" vorhanden waren - die Belehnung mit der politischen Macht besttigte. Halten wir auf jeden Fall fest, da diese Distanz der Fhrer auf nichts "Moralisches" noch "Ideeles" noch "Religises", noch auf irgend sonst einen menschlichen Wert oder Unwert herabgemindert werden kann, sondern sozusagen in einer anderen Seinsqualitt besteht, gewonnen aus einer substanziellen Verwandlung des Bewutseins.
Und so bekrftigen wir, da diese tatschliche und konkrete Superioritt der Bezeichnung "Geistigkeit" Sinn geben wird und als Zentrum aufzustellen ist, von welchem die Wrde herrhrt, das Attribut und die eigentliche Funktion des Knigtums; als welches sich seinerseits im Imperium besttigen wird - gem der arisch-heidnischen Tradition, fr welche die Knige Knige waren kraft eines vom Himmel herangezogenen "Feuers" - hvaren -, das sie einsetzte, sie "unsterblich" machte und sie beglaubigte durch den Sieg.
Damit wre die Mitte einer transzendenten Stabilitt, die "Hoheit", das Prinzip jeder sonstigen Hierarchie, der Kern aller Treue, aller Ehre im Dienst und jeder heldischen Tat, die hchste ausgleichende Kraft von oben gegenwrtig.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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