Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Die protestantische Verirrung und unsere Gegenreformation


Wir haben bereits auf den Umstand hingewiesen, da die messianisch-galilische Lehre ihrer ursprnglichen Natur nach gar nicht darauf abzielte, eine neue Form gesellschaftlichen Lebens oder eine neue Religionsform zu grnden. Sie hatte einen unumwunden anarchischen, antisozialen, deftistischen Charakter, der jede vernunftgeme Ordnung der Dinge umstoen mute. Sie war von einer einzigen Sorge durchdrungen, ja besessen: der Rettung der Seele des Individuums fr den als bevorstehend erklrten Anbruch des "Gottesreichs".
Aber als die Aussicht auf dieses "Reich" zurcktrat und schlielich verschwand, fielen die in der Hoffnung angespannten Krfte in sich selbst zusammen; und von ihrem individualistischen Aspekt wechselte die semitische Religion hinber zum sozialistischen Aspekt. Die "ecclesia", die Lebensgemeinschaft der Glubigen, verstanden als unpersnliches und mystisches Medium aus gegenseitigem Bedrfnis - dem Bedrfnis zu lieben, zu dienen, sich mitzuteilen, dem Bedrfnis nach gegenseitiger Besttigung und gegenseitiger Abhngigkeit der sich selbst nicht gengenden Einzelleben -, ersetzte in den Seelen die schwindende Wirklichkeit des "Gottesreichs".
Die "ecclesia", von der wir hier sprechen, ist streng zu unterscheiden von dem, was dann die katholische Organisation werden sollte. Diese Organisation erwuchs aus einer fortschreitenden Romanisierung der "ecclesia" im primitiven Sinn, deren Geist sie gewissermaen verriet und deren semitische Seite sie unterdrckte zugunsten eines Prinzips hierarchischer Autoritt und eines symbolisch-rituellen Korpus. Wichtig aber ist, da man die ecclesia der ersten Christengemeinschaften, die sich bildeten, als der unmittelbare Einflu Jesu aufhrte und das Gefhl vom Anbruch des "Reiches" abflaute, in ihrer ursprnglichen Realitt versteht. Dann findet man den Keim jener Kraft, die zum Typus der modernen euro-amerikanischen Gesellschaft werden sollte.
Im Imperium ist das Prinzip: Hierarchie, Einsetzung von oben. In der christlichen ecclesia war es: Gleichheit, Brderlichkeit. Im Imperium gab es personifizierte Beziehungen der Abhngigkeit: es gab Herren und es gab Knechte. In den vollendeteren Formen gab es ein Kasten-Regime. In der ecclesia entpersnlichten sich diese Beziehungen: es war eine Verbindung gleicher Wesen, ohne Fhrer-, ohne Klassen- oder Traditionsunterschied, die einzig aufrechterhalten wurde durch das gegenseitige Voneinanderabhngen und durch das gleiche seelische Bedrfnis. Mit anderen Worten, es entstand die Sozialitt, die Form eines bloen Zusammenlebens, einer Vereinigung in etwas Kollektivem, in einer gleichmacherischen Solidaritt. Und wie wir sagten: der Geist bettigte sich als Zerstrer des Geistes.
Und nun geht es abwrts bis zur Reformation. Die Reformation ist der groe Sturz der nordischen Menschheit: sie ist das Entarten, das Sich-berschlagen ins Negative und Semitische jener Kraft, die den Kampf des Kaisertums gegen das rmische Joch beseelt hatte. Im Ideal der Hohenstaufen finden wir in der Tat die Prinzipien der Freiheit, der Unabhngigkeit und der Individualitt, die zum ursprnglichen Ethos der deutschen Stmme gehren. Diese Werte kmpften im Mittelalter jedoch in geistiger Weise, waren so beschaffen, da sie sich vershnten mit dem Ideal der Hierarchie; im Grunde erhoben sie Anspruch auf eine hhere, solarere, mnnlichere und vollendetere Hierarchie als wie sie die Kirche in ihrem Kompromi jemals zu bieten vermochte. In der Reformation haben wir das genaue Gegenteil: hier haben wir eine Bejahung der nmlichen nordischen Krfte, die sich aber nur lossagten von der Fessel Roms, um gleichzeitig die Reste der hierarchischen Autoritt, des Rmertums und der Universalitt zu begraben, welche die Kirche noch bot; wodurch eine Wiederbelebung eben der Krfte erfolgte, die die ersten Christengemeinschaften und das Leben der ecclesia gestaltet hatten. In der Reformation haben wir die Wiederkehr des frhen Christentums, gerade in seinem minderwertigen "sozialistischen" Aspekt gegenber dem rmischen, zur Kirche gehrigen Faktor. Die protestantische Unvershnlichkeit bereitete dem katholischen Kompromi ein Ende, aber nicht zugunsten der Richtung auf das Imperium hin, sondern zugunsten der Richtung auf das Anti-Imperium hin.
Die deutschen Vlker bewahrten trotz allem im Erbe ihres Blutes noch zu viele nordische Faktoren, als da ihnen diese Umwlzung htte zum Verhngnis werden knnen. Trotz allem, trotz des Schismas waren die deutschen Vlker bis gestern, bis zum Ausbruch des Weltkrieges diejenigen, in welchen - mehr als in allen anderen - sich ein imperialen und fast feudales Regime hat erhalten knnen; und ein lebhaftes Empfinden fr die mnnlichen und nordischen Werte der Ehre, der Treue und der Hierarchie.
Ganz anders liegen die Dinge bei den angelschsischen Vlkern, vor allem, nachdem die religise Revolte von der politischen abgelst worden war; nachdem der Humanismus und die Aufklrung ihre Frchte getragen hatten; nachdem auf den Sturz des Autorittsprinzips auf geistigem Gebiet jener des Autorittsprinzips auf sozialem und dann auch auf moralischem Gebiet gefolgt war und die Grungs- und Zersetzungsstoffe der jakobinischen Revolution sich ber die Welt ausgebreitet hatten.
Bei einem solchen Sachverhalt sehen wir in der Tat, wie die Reformation - ursprnglich eine religise Revolution - einen entscheidenden Umschwung in der politischen Idee selbst herbeifhren wird. Sich von der Fessel des rmischen Autorittsbewutseins befreiend, sozialisierte sie die Kirche und machte sie immanent; lie, jetzt als mehr oder weniger skularisierte politische Realitt, die Form der frhen ecclesia sich auswirken.
An die Stelle der Hierarchie von oben trat durch die Reformation die freie Gemeinschaft der Glubigen, die sich loslste von der Fessel der Autoritt und in der jeder anarchisch sein eigener Richter und einer dem anderen gleich war. Mit anderen Worten, es war der Beginn des "sozialistischen" europischen Niedergangs: dem imperialen Ideal gegenber hat die protestantische Religion einer Organisation die Wege gebahnt, die nicht auf Fhrern beruht, sondern auf der Summe der einzelnen Individuen; einer Organisation, die aus der Tiefe kam und sich in einer unpersnlichen Vereinigung erschpfte, in einer rein kollektiven, sich selbst regierenden und sich selbst rechtfertigenden Realitt.
Diese Strmung hat die angelschsischen Vlker rasch erfat, und heute neigt auch sie zu einer "Katholizitt" oder Universalitt, die antithetisch ist sowohl zur rmischen und mittelalterlichen imperialen als auch zu der, die im beschrnktem Sinne die kirchliche selbst war: wie sie innerhalb der einzelnen Nationen, indem sie die Individuen summiert, deren Unterschied durch die rein soziale Verbundenheit aufhebt, so neigt sie auch dazu, den Unterschied und die Vorrechte der einzelnen Nationen aufzuheben, indem sie allen den gleichen Rang zuweist im anonymen Universalismus eines "Vlkerbund"-Ideals. Gleichzeitig vermenschlicht sich die Religiositt immer mehr, neigt immer mehr dazu, mit der Sozialitt eins zu werden. Das beweisen in den protestantischen Lndern die neuesten Bestrebungen zu einer "Religion des sozialen Dienstes", einer "Religion der Arbeit" und das zunehmende bergewicht des moralischen Interesses und der moralischen Unduldsamkeit ber jedes ideelle und metaphysische Interesse.
Alles in allem: die Reformation begnstigt eine kohrente Position, trennt vom christlich-heidnischen Kern, wie ihn die katholischen Lnder bieten, den christlichen Aspekt (in seiner gemigten Form eines Ideals bloer Lebensgemeinschaft) ab und verwirklicht einen besonderen Staatstypus: den demokratischen Staat, das Anti-Imperium, die Selbstregierung der Massen, souvern ber sich gebietend mit gleichzeitiger Nivellierung der Einzelnen in einer anarchischen, kopf-losen Solidaritt; mit schattenhaften Regierenden im Dienste der Dienenden, insofern sie bloe "Reprsentanten" sind, abhngig von den Massen und verantwortlich den Massen - statt da diese ihnen verantwortlich wren, und sie, als berlegene Fhrer, Prinzip der absoluten Autoritt blieben.
Natrlich ist damit noch nicht alles erschpft. Auf unterirdischen Wegen ruft die skularisierte Wiederherstellung der ecclesia von neuem das Semitische auf, und die protestantischen Lnder sind diejenigen, in welchen der Kapitalismus und die Plutokratie sich in der bezeichnendsten Form entwickelt haben; in welchen, hinter den Kulissen der demokratischen "Freiheit", der allmchtige Jude wieder auftaucht, Herr der Krfte und der Menschen einer durch die vaterlandslose Finanz entweihten Welt. Whrend sich gleichzeitig der letzte Sturz ankndigt, der Anbruch des reinen Kollektivismus, entsprechend dem proletarischen Mythos der "Dritten Internationale" und der prophetischen Mission der Sowjets.
Damit werden wir vor ein entscheidendes Entweder - Oder gestellt.
Es ist zwecklos, Wirkungen zu bekmpfen, ohne die weitlufigen und geheimen Ursachen zu kennen, von denen sie herrhren. Zwecklos, an eine politische Reaktion zu denken, die wirksam wre, wenn sie nicht in einer entsprechenden geistigen Revolution wurzelt.
Die Kirche ist etwas Halbes. Die Kirche ist zuwenig fr uns. Wir brauchen weit mehr. Wir brauchen eine wahre Gegenreformation. Und diese Gegenreformation besteht in der Rckkehr zum ursprnglichen arischen Ethos, zu den reinen Krften der nordisch-rmischen Tradition, dem imperialen Symbole des Adlers.
Das ist der erste Wiederaufbau. Es wird eine Frage der Zeit sein - aber unsere Nationen haben sich zu entscheiden: entweder sie werden tatschlich das Opfer der konvergierenden Krfte des Protestantismus und des Judentums werden und sich endgltig nach dem republikanischen und demokratischen Muster der angelschsischen Gesellschaft organisieren, eine der Sozialitt innewohnende Religion whlend, worin das Geistige nur Mittel fr zeitliche Verwirklichungen wird, bis zum Dienst an einer ahrimanischen Mystik des gesichtslosen "Kollektiv-Menschen" - oder aber sie haben zu handeln und sich einzusetzen fr eine Wiedergesundung und einen Wiederaufbau, d. h. fr eine Revolution im anderen Sinne, um damit das Ideal des anderen Staates zu erfllen.
Wie die protestantische Revolution den katholischen Kompromi berwand und das Abendland zu den Formen und den Werten der demokratischen Gesellschaft zurckfhrte, so mssen wir, entgegen der Reformation, denselben Kompromi berwinden, indem wir die andere Mglichkeit der Alternative bejahen: die, welche sich angekndigt hatte im Kampf des Kaisertums um das Heilige Rmische Reich. Auf der Grundlage eines integralen nordisch-rmischen Wiederaufbaus mssen wir einen Staat schaffen, der gleichzeitig neu ist und alt, der getragen wird von den Werten der Hierarchie, der Organisation von oben, der Aristokratie, der Herrschaft und der Weisheit, d. h. von den imperialen Werten, die sich die Kirche zu ihrer besten Zeit zum Teile auslieh; und die, nach dem Schachspiel der Kirche selbst - whrend eines zweitausendjhrigen Experiments -, nackt, blo, ohne Maske und ohne Milderung bejaht werden mssen von Menschen, die sich ihres ursprnglichen Adels nicht schmen, die in ihrer Treue zu den Urkrften der edlen ary, zu ihrer uranisch-solaren Geistigkeit, zu ihren heroischen Symbolen es gegenber dem ganzen verfallenden, sozialisierten und semitisierten Europa endlich wagen, sich gleich uns heidnische Imperialisten zu nennen.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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