Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

2. Die Bedingungen fr das Imperium

Der Verfall der imperialen Idee


Wie sich ein lebender Krper nur aufrecht erhlt, sofern eine Seele da ist, die ihn beherrscht, so ist jede soziale Organisation, die nicht in einer geistigen Wirklichkeit wurzelt, uerlich und vergnglich, unfhig, sich im Kampf der verschiedenen Krfte gesund und identisch zu erhalten; sie ist nicht eigentlich ein Organismus, sondern eher etwas Zusammengesetztes, ein Aggregat.
Die wahre Ursache fr den Verfall der politischen Idee im heutigen Abendland liegt in dem Umstand, da die geistigen Werte, die einst die soziale Ordnung durchdrangen, abhanden gekommen sind, ohne da es bisher gelungen wre, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen. Das Problem ist auf die Ebene von wirtschaftlichen, industriellen, militrischen, Verwaltungs- oder hchstens Gefhlsfaktoren heruntergebracht worden, ohne da man sich davon Rechenschaft gegeben htte, da das alles nichts ist als Materie, notwendig, soweit man nur will, aber niemals ausreichend; so wenig imstande, eine gesunde und vernnftige, auf sich selbst gestellte Ordnung zu schaffen, wie die bloe Begegnung mechanischer Krfte ein lebendes Wesen hervorzubringen vermag.
Inorganizitt, uerlichkeit - das sind die hervorstechenden Merkmale der zeitgenssischen sozialen "Organisation". Das das Oben vom Unten zu bestimmen ist, da das Gesetz und die Ordnung, statt sich zu rechtfertigen in einer Aristokratie, in einem Qualittsunterschied, in einer geistigen Hierarchie, sich auf der zuflligen Verknotung des Interessenausgleichs und der Begierden einer anonymen, bereits jeden hheren Empfindens baren Menge aufzubauen haben - das ist der Grundirrtum, auf dem diese Organisationen beruhen.
Die Wurzel dieser Entartung reicht in ferne Zeiten zurck, eben in jene Epochen, in denen sich die ersten Verfallsprozesse der nordisch-solaren Tradition abspielten. Sie hngt zusammen mit der Trennung der beiden Mchte, mit der Abspaltung des kniglichen Prinzips vom sakralen, mit dem Dualismus, durch den sich auf der einen Seite eine materielle Mnnlichkeit ergibt - der weltliche Staat, der Herrscher als rein zeitliche und wir mchten fast sagen luziferische Wert -, auf der anderen eine unmnnliche Geistigkeit, anti-nordisch und anti-aristokratisch, eine Geistigkeit "priesterlichen" und "religisen" Typs, die sich aber dennoch das Hoheitsrechts anmat.
Die Bildung einer Priesterkaste als besondere und herrschende Kaste hat notwendig zur Entweihung, zur Verweltlichung und zur Materialisierung der politischen Idee gefhrt: alles brige ist nur die Folge davon. Die erste antitraditionelle Revolution war die, in welcher der Priester den "gttlichen Knig" verdrngte, in welcher die "Religion" den Platz der Eliten einnahm, die Trger der solaren, sieghaften und aristokratischen Geistigkeit waren.
Erscheinungen dieser Art lassen sich schon an der Schwelle der Vorgeschichte wahrnehmen, in der vorchristlichen und nichtchristlichen Welt: aber sie stieen fast immer auf Reaktionen, die ihre Wirkung begrenzten und die Mglichkeit weiterer Zusammenbrche verhinderten. Selbst in Indien, wo die brahmanische Kaste oft zur Priesterkaste wurde, dauerte trotz allem der Nachhall einer hheren, der Kaste der ksatriya zugehrigen Geistigkeit fort, und Buddha - gleich Zarathustra - war ein Aszet aus kniglichem Blut.
Erst im Abendland, mit der Heraufkunft der semitischen Religion und des semitischen Geistes, scheint der Bruch entscheidend und unter vielen Gesichtspunkten unheilbar geworden zu sein.
Das frhe Christentum mit dem Transzendentismus seiner Werte, die alle in der Erwartung jenes "Reichs" gravitieren, das "nicht von dieser Welt ist", mit dem charakteristischen semitischen Willen zur Unterwrfigkeit Gott gegenber und zur Demtigung der Kreatur, zerbrach die "solare" Synthese aus Geistigkeit und politischer Macht, aus Knigtum und Gttlichkeit, welche die antike Welt kannte.
An sich, in ihrer tiefen Verachtung fr jede weltliche Sorge genommen, konnte die galilische Lehre nur dazu fhren, nicht nur den Staat, sogar die Gesellschaft unmglich zu machen. Aber beim Schwinden dessen, was die Triebfeder einer solchen Lehre war - der Anbruch des "Reiches", in welchem alle Werte vertauscht und die Erniedrigten erhoben sein werden -, wurden der Geist und die Unvershnlichkeit der frhen Lehre verraten; neue Krfte erstanden, um dem einen Platz in der Welt einzurumen, was "nicht von dieser Welt" ist. Man gelangte zu einer Normalisierung. Man gelangte zu einem Kompromi. Das semitische Element ging dazu ber, das universale Symbol des Rmertums zu erobern. Die katholische Kirche erstand, ein Mischgebilde, in welchem die Romanisierung, d. h. die Paganisierung einiger Seiten der ursprnglichen Lehre indessen nicht verhinderte, das den Mittelpunkt das "lunare", priesterliche, weibliche Ideal der Geistigkeit einnahm, die Stimmung derer, die "glauben" und "lieben", die nur Kinder und Diener "Gottes" sind und die auf ihre brderliche, sozusagen gynkokratisch aufgefate Gemeinschaft (die Mutter Kirche) das Hoheitsrecht bertrugen.
Halten wir dies einmal fest. Zwischen dem Christentum und dem Katholizismus ist zu unterscheiden. Das Christentum als solches, d. h. in seinem ursprnglichen und revolutionren semitischen Aspekt, ist die mystische Entsprechung zur Franzsischen Revolution von gestern, zum Kommunismus und Sozialismus von heute. Das Christentum als katholische Kirche dagegen bernimmt zum Teil einige Formen der heidnisch-rmischen Ordnung: etwas hchst Widerspruchsvolles, denn sie sind einem Inhalt geliehen, einem Werte und Glaubenssystem, das dem "solaren" Geist des rmischen Heidentums widerstrebt, sie stehen im Gegensatz zu diesem Geist.
In diesem ihrem inneren Widerspruch ist die Ursache fr den Bankrott des hegemonistischen Anspruchs der Kirche zu suchen, ihre Ohnmacht, in Wahrheit das Erbe dessen anzutreten, was durch den asiatisch-semitischen Aufstand zersetzt worden war: das rmische Weltreich.
In der Tat ist die katholisch Kirche nicht heidnisch genug, um den Dualismus vllig aufzuheben: und so unterscheidet sie, trennt den geistigen Bereich vom politischen, die "Seel"-Sorge von der weltlichen. Vergeblich bemht sie sich dann, die beiden Teile wieder zu vereinen. Sei ist in eine Sackgasse geraten.
Folgerichtig hat die Haltung der Welfen, die die Mglichkeit eines autonomen weltlichen Staates gegenber der Kirche nicht zulassen, die eine restlose Unterordnung des Adlers unter das Kreuz verlangen. Was bliebe aber in diesem Fall noch der Kirche, um sich christlich nennen zu knnen, um ihre Abkunft von demjenigen zu rechtfertigen, der den Verzicht gepredigt hatte, die Eitelkeit der weltlichen Sorge und die Gleichheit der Menschen, die von Natur aus Diener Gottes sind und deren Reich nicht von dieser Welt ist? Wie die Herrschaft und die Hierarchie aufrecht erhalten, wenn nicht durch den tatschlichen bergang zu den heidnischen Werten der Bejahung, der Immanenz und der Differenzierung? So geschah es auch in der Kirche in ihrer goldenen Zeit, im Mittelalter, wo sie einen Augenblick lang, galvaniert vom nordisch-germanischen Geiste in dem, was sie an Rmischem Aufweisen mochte, den Anschein erweckte, als wollte sie wirklich alle Vlker des Abendlandes in einer kumenischen Einheit wieder umfassen. Trotzdem war das eine Fata Morgana, etwas ohne dauerhafte Realitt - im Grunde nur ein Darbieten des Problems in Form einer Lsung, eine Lsung des Widerspruchs de facto, nicht aber de jure.
Andererseits aber steht nach wie vor fest, das ein Imperium, das wirklich ein Imperium ist, unmglich ber sich eine Kirche als besondere Organisation dulden kann. Ein Imperium, dessen Herrschaft rein materiell ist, kann eine Kirche sicherlich tolerieren und ihr sogar berlassen, was die Sorge um die geistigen Dinge anlangt, an denen es hypothetisch uninteressiert ist. Nur da ein solches Imperium, wie wir oben schon sagten, fr uns nichts als ein Schein-Imperium ist. Ein Imperium ist nur ein solches, wenn es eine immanente Geistigkeit aufweist; dann aber kann es keinerlei Organisation anerkennen, die sich das Vorrecht ber die geistigen Dinge anmat. Es wird jede Kirche entmachten und sie verdrngen, indem es sich ohne weiteres zur wahren und einzigen Kirche aufwirft: in der einen oder anderen Weise, bewut oder unbewut, wird es zur heidnischen und arischen Auffassung zurckkehren, zur solaren Synthese aus Knigtum und Priestertum, zum "Sacrum Imperium".
Wenn wir schrfer hinblicken, so knnen wir eben dies in der imperialen Idee sehen, die sich im Mittelalter gegen die Kirche behauptete, vor allem dank den Hohenstaufen: wir sehen keine zeitliche Macht im Aufstand gegen die geistige Autoritt, sondern eher einen Kampf zwischen zwei Autoritten derselben geistigen Art, deren jede eine bernatrliche Herkunft und Bestimmung verteidigt und ein universales und berpolitisches Recht. Auf der einen Seite, im Imperium, kehrt, wenn auch nicht ohne Milderungen und Kompromisse, die heidnische Idee des gttlichen Knigs wieder, des sakralen Herrschers, lex animata in terris, lebendige Mitte fr die Beziehungen einer verwandelnden kriegerischen fides, Verkrperung des mnnlichen und heroischen Geistespols. Auf der anderen Seite, in der Kirche, bleibt das Prinzip der geistigen Entmannung bestehen, die "priesterliche" Wahrheit, der lunare Geistespol, der mit jedem Mittel, sich nicht scheuend, die Knechte und Hndler im Aufstand gegen das Imperium (die Kommunen) zu untersttzen und zu segnen, die Wiederherstellung zu verhindern versucht, um die Suprematie bewahren zu knnen.
Im Kampf zwischen diesen beiden groen Ideen haben wir, wie gesagt, das letzte geistige Aufblitzen des Abendlandes. Dann folgte eine Phase der Erschlaffung und der fortschreitenden Abwanderung. Wenn der moderne Staat am Ende autonom blieb, so geschah es nur deshalb, weil er vom geistigen und universalen Prinzip des Imperiums herabsank bis zum pluralistischen und plebejischen Prinzip der "Nation"; weil er verga, was Knigtum im traditionellen Sinn bedeutet; weil er nicht wute, da das politische Problem nicht trennbar ist vom religisen Problem, und an jeder Frage uninteressiert war, die hinausging ber die materiellen Interessen und Ansprche der jeweiligen Rasse und der jeweiligen Nation; indem er allen bergriffen des Humanismus und der sogenannten "Gedankenfreiheit" das Feld berlie, schrumpfte er zusammen zu einer nichts als zeitlichen Macht. Wir gelangen damit zu den heutigen Horizonten, innerhalb deren wir auf der einen Seite einen wesentlich weltlichen und antiaristokratischen Staat sehen, der sich in wirtschaftlichen, militrischen und Verwaltungsfragen erschpft und sich jeder Kompetenz in geistigen Dingen begibt; und auf der anderen eine vom Schisma zerrissene lunare Religion, die an der Politik uninteressiert ist, die sich, als katholische Kirche, auf eine Art groe internationale Glaubensvereinigung beschrnkt und nur mehr einer verblichenen Vterlichkeit fhig ist aufgrund prahlerischer und zweckloser Bestrebungen zum Heile der Vlker - deren jedes seinen eigenen Weg geht und keinerlei religisem Antrieb mehr folgt - oder zum Heile der "Seelen", die alle den inneren, lebendigen, konkreten und mnnlichen Instinkt der geistigen Realitt verloren haben.
Dieser Sachverhalt kann nicht lnger so bleiben - oder zumindest: wer im Ernst von Reaktion sprechen will, wer nicht in etwas zurckfallen will, wofr das ironische Wort gilt: "Plus ca change, plus c'est la mme chose", darf sich nicht lnger mit einem derartigen Verzicht und einer derartigen Zerreiung abfinden.
Einen Ausweg aus der Krise der abendlndischen Welt gibt es nur, wenn die absolute Synthese beider Mchte wiederhergestellt wird, der politischen und der sakralen, der realen und der geistigen: auf der Grundlage eines arisch-heidnischen Weltbildes und der Herausschlung hherer Formen des Interesses, des Lebens und der Persnlichkeit - als Prinzip einer neuen Universalitt.
Man werfe uns nicht Anachronismus vor. Auch in anderen Formen kann derselbe Geist heraufbeschworen werden. Da der weltliche Verfall der politischen Idee berwunden wird, da der Staat wieder eine bernatrliche Bedeutung erlangt und den Gipfel des Sieges ber das Chaos darstellt - das ist der Kernpunkt.
Vom abstrakten "Religisen" und vom politischen Realismus sind wir krank bis auf Mark. Diese lhmende Antithese ist im Namen unserer Gesundung und unserer Tradition zu zerschlagen.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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